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Polyneuropathie: Ein umfassender Leitfaden zu Ursachen, Symptomen und Behandlung

Inhaltsverzeichnis

    Die Polyneuropathie ist eine weit verbreitete Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks geschädigt sind. Dies führt zu einer gestörten Signalübertragung zwischen dem zentralen Nervensystem und dem Körper. In Deutschland sind Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen betroffen, wobei die Häufigkeit mit dem Alter deutlich zunimmt. Die Ursachen sind äußerst vielfältig, doch die häufigsten Auslöser sind Diabetes mellitus und übermäßiger Alkoholkonsum. Die Erkrankung kann die Lebensqualität durch Schmerzen, Missempfindungen und Muskelschwäche erheblich beeinträchtigen. Ein fundiertes Verständnis der eigenen Erkrankung ist für den Patienten der Schlüssel, um aktiv an der Therapie mitzuwirken, Symptome zu bewältigen und den Verlauf positiv zu beeinflussen.

    Die Erkrankung verstehen

    Das periphere Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk aus Nervenbahnen, das für die Übermittlung von Informationen zwischen dem Gehirn und dem Rest des Körpers verantwortlich ist. Man unterscheidet drei Arten von Nerven, die bei einer Polyneuropathie betroffen sein können:

    • Sensorische Nerven: Sie leiten Empfindungen wie Berührung, Temperatur, Druck und Schmerz von der Haut und den Gelenken zum Gehirn.
    • Motorische Nerven: Sie übertragen die Befehle vom Gehirn an die Muskeln und steuern so unsere Bewegungen.
    • Autonome (vegetative) Nerven: Sie regulieren unbewusste Körperfunktionen wie Herzschlag, Blutdruck, Verdauung und Schweißproduktion.

    Bei einer Polyneuropathie ("poly" = viele) sind mehrere dieser Nervenbahnen geschädigt. Die Schädigung kann die schützende Hülle der Nerven (Myelinscheide) oder die Nervenfaser selbst (Axon) betreffen. Typischerweise beginnt die Erkrankung an den längsten Nervenbahnen des Körpers, weshalb die ersten Symptome meist an den Füßen und Zehen auftreten und sich dann langsam "sockenförmig" nach oben ausbreiten.

    Die Liste der möglichen Ursachen ist lang, doch zwei Hauptauslöser sind für die Mehrheit der Fälle verantwortlich:

    • Diabetes mellitus: Ein langanhaltend erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt die kleinen Blutgefäße, die die Nerven versorgen, und beeinträchtigt den Stoffwechsel der Nervenzellen direkt. Dies ist die mit Abstand häufigste Ursache.
    • Alkoholmissbrauch: Übermäßiger Alkoholkonsum hat eine direkte toxische Wirkung auf die Nervenzellen und führt oft zu einem Mangel an wichtigen Vitaminen (insbesondere Vitamin B1), die für die Nervenfunktion unerlässlich sind.

    Weitere Ursachen umfassen Vitaminmangel (z. B. Vitamin B12), Nieren- oder Lebererkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Infektionen (z. B. Borreliose), die Nebenwirkungen bestimmter Medikamente (z. B. einiger Chemotherapeutika) sowie erbliche Veranlagungen. In manchen Fällen kann auch keine klare Ursache gefunden werden.

    Symptome und Diagnose

    Die Symptome einer Polyneuropathie sind vielfältig und hängen davon ab, welche Nerventypen betroffen sind. Oft entwickeln sie sich schleichend über Monate oder Jahre.

    • Sensorische Symptome (häufig):
      • Missempfindungen wie Kribbeln ("Ameisenlaufen"), Prickeln oder Pelzigkeit, meist beginnend in den Zehen und Füßen.
      • Brennende, stechende oder einschießende Schmerzen, die oft in Ruhe oder nachts schlimmer sind.
      • Taubheitsgefühle und ein vermindertes Empfinden für Berührung, Temperatur oder Schmerz. Dies erhöht die Gefahr von unbemerkten Verletzungen.
      • Das Gefühl, "wie auf Watte" zu gehen oder einen "engen Strumpf" zu tragen.
    • Motorische Symptome:
      • Muskelschwäche, die zu einem unsicheren Gang und einer erhöhten Sturzgefahr führen kann (z. B. Fußheberschwäche).
      • Muskelzucken oder Muskelkrämpfe.
      • Im fortgeschrittenen Stadium kann es zum Muskelschwund (Atrophie) kommen.
    • Autonome Symptome:
      • Herzrasen oder Schwindel beim Aufstehen durch Blutdruckregulationsstörungen.
      • Probleme mit der Blasen- oder Darmentleerung.
      • Störungen der Schweißproduktion (vermehrtes oder vermindertes Schwitzen).
      • Erektionsstörungen.

    Die Diagnose wird durch einen Neurologen gestellt und umfasst mehrere Schritte:

    1. Anamnese: Der Arzt erfragt detailliert die Symptome, deren Beginn und Entwicklung sowie bekannte Vorerkrankungen und Lebensgewohnheiten.
    2. Körperliche und neurologische Untersuchung: Der Arzt testet die Reflexe, die Muskelkraft, die Koordination und das Gefühlsempfinden. Mit einer Stimmgabel wird das Vibrationsempfinden geprüft, das bei einer Polyneuropathie oft früh gestört ist.
    3. Elektroneurographie (ENG): Mit dieser Messung der Nervenleitgeschwindigkeit kann der Arzt objektiv feststellen, ob und wie stark die Nerven geschädigt sind. Kleine elektrische Impulse werden an die Haut abgegeben und die Reaktionszeit der Nerven gemessen.
    4. Blutuntersuchungen: Eine umfassende Blutanalyse hilft bei der Suche nach der Ursache, z. B. einem Diabetes, Vitaminmangel oder Entzündungszeichen.
    5. Weitere Untersuchungen: In selteneren Fällen können eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquorpunktion) oder eine Gewebeprobe eines Nervs (Nervenbiopsie) notwendig sein.

    Behandlungswege

    Die Behandlung der Polyneuropathie stützt sich auf zwei Hauptsäulen: die Behandlung der Ursache und die Linderung der Symptome.

    Kausale Therapie (Behandlung der Ursache):

    Dies ist der wichtigste Ansatz, sofern die Ursache bekannt und behandelbar ist.

    • Bei diabetischer Polyneuropathie ist die optimale Einstellung des Blutzuckerspiegels entscheidend, um ein Fortschreiten der Nervenschäden zu verhindern.
    • Bei alkoholischer Polyneuropathie ist eine konsequente Alkoholabstinenz unerlässlich. Oft werden zusätzlich hochdosierte B-Vitamine verabreicht.
    • Bei einem Vitaminmangel wird das fehlende Vitamin ersetzt.
    • Bei entzündlichen oder autoimmunen Formen können Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, zum Einsatz kommen.

    Symptomatische Therapie (Linderung der Beschwerden):

    Da die Nervenschäden oft nicht vollständig rückgängig gemacht werden können, ist die Linderung der quälenden Symptome von zentraler Bedeutung.

    • Behandlung von Nervenschmerzen: Herkömmliche Schmerzmittel sind oft wenig wirksam. Stattdessen werden Medikamente eingesetzt, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie (Antikonvulsiva) oder Depressionen (Antidepressiva) entwickelt wurden, da sie die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Nervensystem beeinflussen. Auch Opioide können in bestimmten Fällen erwogen werden.
    • Physikalische Therapien: Kälte- oder Wärmeanwendungen sowie die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), bei der schwache elektrische Impulse über Hautelektroden abgegeben werden, können Schmerzen lindern.
    • Physiotherapie und Ergotherapie: Gezieltes Training verbessert Kraft, Koordination und Gleichgewicht, was die Gangsicherheit erhöht und Stürzen vorbeugt.

    Rehabilitation und Alltagsmanagement

    Die Bewältigung einer chronischen Erkrankung wie der Polyneuropathie erfordert eine langfristige Anpassung des Lebensstils und aktive Mitarbeit des Patienten.

    Die Rehabilitationsphase

    Für Patienten mit schweren funktionellen Einschränkungen, beispielsweise nach einer akuten, schubförmigen Verschlechterung oder bei erheblicher Gangunsicherheit und Sturzgefahr, kann eine formale Rehabilitation sinnvoll sein. Diese findet meist in einer spezialisierten neurologischen Rehabilitationsklinik statt. Das Ziel ist es, durch ein intensives, multidisziplinäres Programm die Selbstständigkeit und Sicherheit im Alltag wiederherzustellen. Kernbestandteile sind:

    • Intensive Physiotherapie zur Verbesserung von Gleichgewicht, Kraft und Gangbild.
    • Ergotherapie zum Training von Feinmotorik und zur Anpassung des häuslichen Umfelds.
    • Schulungen zum Umgang mit der Erkrankung und zur Schmerzbewältigung.
    • Hilfsmittelberatung (z. B. für spezielle Schuheinlagen oder Gehhilfen).

    Langfristige Genesung und Alltagsmanagement

    Die allgemeine Genesung und der Umgang mit der Erkrankung im Alltag sind ein fortlaufender Prozess. Folgende Aspekte sind dabei entscheidend:

    • Regelmäßige Bewegung: Konsequentes Fortführen der erlernten Übungen. Bewegung fördert die Durchblutung und kann die Funktion der verbliebenen Nerven unterstützen.
    • Fußpflege: Da das Schmerzempfinden an den Füßen oft reduziert ist, müssen die Füße täglich auf kleine Verletzungen, Druckstellen oder Rötungen kontrolliert werden, um Infektionen zu vermeiden. Gutes, bequemes Schuhwerk ist unerlässlich.
    • Sturzprophylaxe: Beseitigung von Stolperfallen in der Wohnung, gute Beleuchtung und die Nutzung von Gehhilfen bei Unsicherheit.
    • Gesunde Lebensführung: Eine ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf Nervengifte wie Alkohol und Nikotin sind grundlegend.

    Caspar Health und Unterstützung bei einer Polyneuropathie

    Im Rahmen der neurologischen Nachsorge und des langfristigen Managements kann die digitale Therapieplattform Caspar Health eine wertvolle Unterstützung bieten. In Verbindung mit der Caspar Clinic ermöglicht sie eine kombinierte Versorgung, die eine flexible digitale Anwendung mit der kontinuierlichen Betreuung durch ein multiprofessionelles Behandlungsteam verknüpft. Jeder Patient wird von einem persönlichen Bezugstherapeuten begleitet.

    Der entscheidende Vorteil gegenüber reinen Trainings-Apps liegt darin, dass der persönliche Therapeut einen individuellen Therapieplan erstellt, der exakt auf die Bedürfnisse des Patienten mit Polyneuropathie zugeschnitten ist. Das Ziel ist es, die Muskelkraft zu erhalten, das Gleichgewicht zu schulen und die Mobilität zu verbessern. Der Patient führt die Übungen selbstständig zu Hause durch. Treten während des Trainings spezifische Probleme auf, wie eine Zunahme der Missempfindungen, Schmerzen oder eine starke Unsicherheit, kann der Patient über die Feedback- und Chatfunktion direkt Rückmeldung geben. Der Therapeut passt den Plan daraufhin kontinuierlich an. Zudem sind erfahrene Ärzte verschiedener Fachdisziplinen in der Caspar Clinic tätig. Diese können den Bezugstherapeuten und die Patienten während der Nachsorge unterstützen, z.B. bei Fragen zum Heilungsverlauf oder Veränderungen des Gesundheitszustandes.

    Der Therapieplan kann beispielsweise folgende Inhalte umfassen:

    • Angeleitete bewegungstherapeutische Übungen zur Kräftigung der Fuß- und Beinmuskulatur, zur Verbesserung der Feinmotorik und zur Schulung des Gleichgewichts.
    •  Wissensvermittlung zur ausgewogenen Ernährung – alltagsnahe Tipps, Inhalte zur Förderung gesunder Essgewohnheiten
    • Entspannungsübungen zur Stressreduktion und Schmerzlinderung.
    • Strategien zur Förderung der Körperwahrnehmung und zur besseren Selbstregulation im Alltag

    Dieses Modell sichert eine hohe Motivation für das Heimtraining und unterstützt die Umsetzung eines aktiven Lebensstils. Ob eine solche digitale Nachsorge geeignet ist, wird in der Regel durch das Behandlungsteam in Abstimmung mit dem Patienten entschieden.

    Häufig Gestellte Fragen (FAQs) und Zusätzliche Ressourcen

    Im Folgenden finden Sie Antworten auf häufige Fragen sowie Verweise auf vertrauenswürdige Informationsquellen.
    Häufig Gestellte Fragen (FAQs):
    Kann eine Polyneuropathie geheilt werden?
    Warum habe ich hauptsächlich nachts Schmerzen?
    Welche Schuhe sind bei Polyneuropathie am besten?
    Ist Sport bei Polyneuropathie erlaubt?
    Polyneuropathie: Hilft eine spezielle Diät?
    Zusätzliche Ressourcen:
    • Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e.V.: Die zentrale Anlaufstelle für Betroffene in Deutschland bietet Informationen, Austausch und Adressen von Selbsthilfegruppen. http://www.polyneuro.de/
    • Gesundheitsinformation.de: Das unabhängige und wissenschaftlich fundierte Gesundheitsportal bietet einen verständlichen Überblick über Polyneuropathie. https://www.gesundheitsinformation.de/polyneuropathie.html
    • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Die medizinische Fachgesellschaft stellt auf ihren Seiten oft auch Patientenleitlinien oder Informationen zur Verfügung. https://dgn.org/leitlinien/ (Hier können Patientenversionen von Leitlinien gesucht werden)
    • Pflege.de: Bietet ebenfalls eine gut aufbereitete und verständliche Übersicht über die verschiedenen Formen, Symptome und Behandlungsansätze bei Polyneuropathie. https://www.pflege.de/krankheiten/polyneuropathie/