Barrieren abbauen: “So werden Reha, Nachsorge und Prävention für alle Menschen erreichbar.”

Wenn Dr. med. Filippo Martino über Digitalisierung spricht, klingt das nicht nach Technik, sondern nach Menschen. Nach Patient*innen, die nach einer Reha plötzlich ohne Unterstützung dastehen. Nach chronisch Erkrankten, die sich im System verloren fühlen. Und nach der Überzeugung, dass moderne Versorgung mehr sein kann, wenn sie digital gedacht wird – und dabei menschlich bleibt.
„Ich habe in meiner Laufbahn unzählige Patient*innen gesehen, die nach einer intensiven Reha voller Motivation nach Hause gehen – und dann auf sich allein gestellt sind“, erzählt Martino. „Da gibt es zu wenig wohnortnahe oder zeitlich flexible Nachsorge- oder Präventionsangebote. Das ist ein echtes Problem.“
Vom Klinikalltag zur Vision einer gerechteren Versorgung
Bevor Dr. Martino als medizinischer Leiter bei Caspar Health, die Caspar Clinic, digitales Centrum für Gesundheit, aufbaute, arbeitete er viele Jahre als Arzt in der klinischen Neurologie – unter anderem in der Notaufnahme einer Uniklinik. Eine Erfahrung, die ihn geprägt hat. „Dort habe ich gesehen, wie entscheidend Kontinuität in der Behandlung ist“, sagt er. „Ich erinnere mich an eine Patientin mit Mulitpler Sklerose, die mit einem akuten Schub kam. Dank ihres digitalen Symptomtagebuchs konnten wir den Verlauf der letzten Wochen und Monate rekonstruieren und sahen, dass schon vorher wahrscheinlich kleinere Entzündungsschübe aufgetreten waren. Dadurch konnten wir viel schneller die richtige Therapie einleiten. Ein einfaches digitales Tool – mit enormer Wirkung.“
Solche Momente haben ihn überzeugt: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das hilft, gerechtere und wirksamere Versorgung zu gestalten. „Digitale Angebote können helfen, Versorgungslücken zu schließen, die das System allein nicht schafft – und sie machen Gesundheit für mehr Menschen zugänglich“, sagt Martino.
Barrieren abbauen – Schritt für Schritt
Martino spricht ruhig, aber mit spürbarer Leidenschaft. Seine Vision ist kein technisches Zukunftsszenario, sondern eine ganz konkrete Veränderung im Alltag der Patien*innen. „Digitale Lösungen können zeitliche, räumliche und sprachliche Barrieren überwinden“, erklärt er. „Ob jemand auf dem Land lebt, berufstätig ist oder eine andere Sprache spricht – digitale Rehaangebote machen Teilhabe möglich.“
Dabei ist ihm wichtig: Die persönliche Betreuung bleibt das Herzstück jeder medizinisch-therapeutischen Maßnahme. „Digitale Tools sind keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung“, betont er. „Sie schaffen die Voraussetzung, dass mehr Menschen überhaupt Zugang zu persönlicher Betreuung bekommen.“
Erfahrungen, die tragen
Martino weiß, wie viel Potenzial in digitaler Nachsorge steckt und wie gut sie in der Praxis funktioniert. Die digitalen Programme, wie beispielsweise digitale Nachsorge, der Deutschen Rentenversicherung etwa zeigen hohe Teilnahmequoten und nachweisliche Wirksamkeit. „Patient*innen bleiben nach der Reha aktiv, werden dabei begleitet und machen weitere Fortschritte“, sagt er.
Auch die sogenannten DiGAs – digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept – seien ein gutes Beispiel. „Gerade bei psychischen Erkrankungen, chronischen Schmerzen oder beispielsweise Adipositas können digitale Programme motivieren und strukturieren“, erklärt er. „Sie stärken nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Selbstwirksamkeit der Menschen.“
Ein Gesundheitssystem im Wandel
Für Martino ist Digitalisierung kein Widerspruch zur Menschlichkeit, sondern deren Verstärkung. „Wenn wir routinierte, dokumentationsintensive oder standardisierte Prozesse digital unterstützen, gewinnen Ärzt*innen und Therapeut*innen mehr Zeit für das Wesentliche: den persönlichen Kontakt“, sagt er.
Sein Ziel ist klar: eine Gesundheitsversorgung, die niemanden ausschließt – unabhängig von Wohnort, Lebenssituation oder Beruf. „Digitalisierung kann genau das ermöglichen“, sagt Martino. „Sie schafft mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit und mehr Konstanz in der Versorgung – auch über das Ende einer Reha hinaus.“
„Digitalisierung bringt uns näher – nicht weiter auseinander“
Am Ende des Gesprächs fasst er seine Haltung in einem Satz zusammen, der viel über ihn verrät: „Viele denken, Digitalisierung schafft Distanz. Ich sehe das Gegenteil: Sie bringt uns näher – zu den Patient*innen, zu ihren Bedürfnissen, ihrem Alltag und zu einer modernen Versorgung, die allen zugutekommt.“